Was Selbständigkeit heute heißt
Zwischen Idealismus und Inventur. Kolumne von Bettina Fleiss

Zwischen Idealismus und Inventur. Kolumne von Bettina Fleiss
– aus dem PROST Magazin vom März 2026 – von Bettina Fleiss
Es gibt diesen einen Moment, meist irgendwann zwischen morgendlicher Vorbereitung und Kaffeemaschine reinigen, da merkt man: Selbständig sein heißt nicht nur Vision ersinnen, sondern Verantwortung übernehmen. Für Menschen, Zahlen, Stimmungen – und für Entscheidungen, die nicht immer beliebt sind. In meinem FRIDA Bistro im Salzburger Künstlerhaus lerne ich das gerade täglich. Und zwar nicht aus Büchern, sondern im echten Leben.
Kaum ein Begriff polarisiert die Gastronomie derzeit mehr. Für viele Mitarbeitende ist er ein No-Go, nicht mehr zeitgemäß, nicht „New Work“. Verständlich. Gleichzeitig stehen wir Unternehmer:innen vor der Frage: Was erwartet der Gast? Frühstück, Kaffee, Nachmittag, Abend? Durchgehend geöffnet? Frische Küche? Persönlicher Service? Die Wahrheit liegt – wie so oft – irgendwo dazwischen. Und sie ist unbequem.
New Work in der Gastronomie bedeutet nicht, alles neu zu erfinden, sondern ehrlich abzuwägen. Was ist für das Team machbar? Was für das Unternehmen wirtschaftlich? Und was für den Gast erlebbar? Öffnungszeiten sind heute Teil der Positionierung. Wer alles anbietet, riskiert Ausbrennen. Wer zu viel schließt, riskiert Relevanz. Unternehmertum heißt, diese Spannung auszuhalten – und klar zu kommunizieren. Dabei wird oft vergessen, wie zentral die Rolle der Unternehmer:in ist. Wir sind längst nicht mehr nur Gastgeber:innen, sondern Arbeitgeber:innen, Kommunikator:innen, Markenverantwortliche und Krisenmanager:innen in Personalunion. Und ja – das fühlt sich für Frauen oft anders an als für Männer.
Ein Blick in die Spitzengastronomie spricht Bände: In Österreich werden von 82 Michelin-ausgezeichneten Restaurants nur drei von Frauen geführt, in Deutschland sind es aktuell lediglich 14 Sterneköchinnen. Talent fehlt nicht – die Branche muss nur Rahmenbedingungen schaffen, in denen Frauen genauso erfolgreich führen können wie Männer. New Work als Frau heißt in der Gastronomie oft: stärker erklären, häufiger rechtfertigen, weniger Raum einnehmen – und gleichzeitig funktionieren. Dabei wäre gerade jetzt Platz für neue Führungsstile: klar, empathisch, konsequent – und menschlich.
Selbständigkeit ist kein romantischer Dauerzustand. Sie ist ein ständiges Justieren zwischen Idealismus und Inventur. Zwischen Anspruch und Alltag. Zwischen Gast, Team und eigener Gesundheit. Mein Learning nach den ersten Wochen: New Work in der Gastronomie beginnt nicht beim Buzzword, sondern bei ehrlichen Entscheidungen. Und manchmal heißt modern sein auch, klar Nein zu sagen – zum Teildienst, zu falschen Erwartungen oder zu alten Rollenbildern. Unternehmer:in sein heißt nicht, alles richtig zu machen. Aber bewusst. Und mit Haltung.
Fragen bitte an hallo@fleissundfreude.com